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„Zwei Seelen wohnen, ach! in meiner Brust
Die eine will sich von der andern trennen
Die eine hält, in derber Liebeslust,
Sich an die Welt mit klammernden Organen
Die andere hebt gewaltsam sich vom Dust
Zu den Gefilden hoher Ahnen.“
Johann Wolfgang von Goethe – Faust

Manchmal ist es schwer, die eigenen Gedanken und Gefühle in Worte zu fassen. Umso dankbarer bin ich, dass ich als Literaturwissenschaftler auf Zitate großer Schriftsteller zurückgreifen kann. Goethes Faust ist der Inbegriff einer zerrissenen Persönlichkeit für mich – und genau so fühlt es sich gerade für mich an. Hin- und hergerissen zwischen zwei Welten.

In ungefähr 12 Stunden werde ich erneut durch die Sicherheitskontrollen am Flughafen gehen, und Deutschland für zwei Jahre den Rücken kehren. Ich werde zurückfliegen zu einem Leben, das für mich nun Alltag ist, und auf das ich mich unglaublich freue.

Und dennoch bleibt ein fader Beigeschmack.

Zwei Wochen Urlaub liegen hinter mir. Zwei Wochen, in denen ich Freunde und Familie getroffen, unfassbar viel deutsches Essen verschlungen und jede Menge Gespräche geführt habe. Aber auch zwei Wochen, in denen ich viel über mich gelernt und neue Erkenntnisse gewonnen habe.
Waren die Straßenecken auch nach der langen Abwesenheit noch vertraut und hat sich der Besuch in der Kneipe angefühlt als wäre man nie weggewesen, überwog jedoch ein anderes Gefühl.

Ein Gefühl, von dem ich jahrelang wusste, dass es in mir schlummert, vor dem ich aber so viel Angst hatte, dass ich es stets unterdrückte und versuchte, verstummen zu lassen. Das Gefühl, nicht mehr hierher zugehören. Hierher… das ist dabei so viel mehr als nur eine Stadt, ein Wohnort oder das soziale Umfeld. Und gleichzeitig ist es eben genau das.

Das auszusprechen, fällt alles andere als leicht, denn es hält mir vor Augen, dass ich stets verzweifelt versucht habe, Teil von etwas zu werden, zu dem ich eigentlich nie gehören wollte. Und dass das nicht funktionieren konnte, hätte man sich eigentlich denken können.

Die vergangenen zwei Wochen waren der Abschluss eines Lebensabschnitt, auf den ich seit 2012 hingearbeitet habe. Und so sehr es schmerzt, Lebewohl zu sagen, so bitter-nötig und befreiend ist es. Meine Reise nach Australien ist jetzt keine Flucht mehr. Es ist eine bewusste Entscheidung, mit dem Wissen, dass das Gute aus der Vergangenheit mit in die Zukunft kommt, während das Schlechte in den alten Mauern verweilt. Es ist der Versuch, zwei Seelen in meiner Brust zusammenzubringen… Die eine, die in den letzten 14 Tagen Weizenbier mit Freunden im Garten getrunken und über Gott und die Welt gesprochen hat, weil es so einfach ist, man selbst zu sein, wenn man sich sein Leben lang kennt. Und die andere, die versucht, völlig unbedarft und abgekappt von ihrer Vergangenheit, ein neues Leben zu beginnen.

Ich weiß nicht, was die nächsten zwei Jahre bringen werden – geschweige denn, was danach passiert – aber ehrlich gesagt, will ich es auch gar nicht wissen. Ich will auch nicht wieder anfangen, verzweifelt meinen Platz zu finden und mich dabei unter Druck setzen, ja den richtigen Weg zu gehen (an dieser Stelle der Einwurf: was ist schon richtig oder falsch?).
Jetzt, in diesem Moment, möchte ich einfach nur hier sitzen, meinen Tee trinken und den Stimmen meiner zwei Seelen lauschen.

In monsterly love,
L.

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