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Je länger ich auf die leere Seite vor mir blicke, desto schwieriger erscheint es mir, meine Gedanken in Worte zu fassen. Und das, obwohl ich es so bitter nötig hätte. Das Schreiben ist mein Weg, mit meinen Monstern zu kommunizieren, ihnen eine Stimme zu geben. Denn so sehr ich sie verabscheue, so sehr sind sie ein Teil von mir. Ein Teil, den ich nicht ignorieren kann, nicht ignorieren will, und vor allem nicht ignorieren sollte. Denn je länger ich versuche, sie zu unterdrücken, desto stärker treten sie in Erscheinung.

Als ich Ende Januar nach Neuseeland flog, war mir bereits bewusst, dass ich nicht im April zurück nach Deutschland kommen würde. Ich wollte es mir nur noch nicht eingestehen. Stattdessen verdrängte ich den Gedanken an die Zukunft durch Wanderungen, Gespräche mit Mitreisenden und dem ein oder anderen Glas Wein. Ich hüllte mich in die Illusion, dass ich ja das Recht auf einen Urlaub hätte, in dem ich mich einfach treiben lassen kann.

Doch ich hätte es besser wissen müssen, und mit jedem Tag, den ich durch das Land der Hobbits reiste, wurde ein Gefühl stärker, das mir nur allzu gut bekannt ist: das schlechte Gewissen.
Dabei handelt es sich nicht mal um ein richtiges, schlechtes Gewissen – warum auch? –, sondern mehr um die Stimmen in meinem Kopf, mit denen ich groß geworden bin.
Stimmen, die mir sagen, dass ich nicht gut genug bin.
Stimmen, die mir sagen, dass all das, was ich bisher erreicht habe, nichts wert sei, dass ich es nicht verdient hätte, weil ich nicht hart genug dafür arbeite.
Stimmen, die mir sagen, dass ich stets zurückzustecken hätte – weil mein Leben weniger wichtig ist als das anderer.

Und so sehr ich auch weiß, dass all diese Gedanken unsinnig sein sollten, sie sind das Futter, von dem sich die Monster in meinem Kopf ernähren, und die es mir so schwermachen, eine Entscheidung zu treffen, die mich und meine Bedürfnisse in den Vordergrund stellt.

Doch vergangene Woche, als sich der Flieger von Virgin Australia gegen acht Uhr morgens im Landeanflug nach Brisbane befand, war ich stark genug, die Monster beiseite zu schieben, und auf mein Herz zu hören. Denn als die Maschine sich langsam durch die Wolkendecke senkte, und die Sonne durch die Fenster blitzte, wusste ich: Ich bin noch nicht bereit zu gehen. Ich bin noch nicht bereit, die Menschen, die ich hier kennen und schätzen gelernt habe, zurückzulassen. Aber vor allem, bin ich nicht bereit, all den Menschen gegenüberzutreten, mit denen ich bisher mein Leben geteilt habe…

Vielleicht aus Selbstschutz – ich habe zu hart gekämpft in den letzten zwei Jahren, um da anzukommen, wo ich heute stehe. Wer garantiert mir, dass ich nicht in alte Muster verfalle, sobald ich in meinem alten Umfeld bin? Bin ich schon stark genug, all das, was ich hier gelernt habe, in meinem alten Leben anzuwenden?

Vielleicht aus Egoismus – es ist das erste Mal, dass ich mich wertschätze, dass ich mich an erste Stelle setze. Dass ich das tue, was mir guttut, ohne Rücksicht darauf zu nehmen, ob ich dadurch anderen Unannehmlichkeiten bereite. Würde ich das wieder aufgeben?

Vielleicht aus Angst – was ist, wenn es nicht mehr passt? Wenn ich mich zu sehr verändert habe? Wenn sich im alten Leben nichts verändert hat? Was ist, wenn ich mich dort nicht mehr wohlfühle?

Ich weiß es wirklich nicht, ich weiß nur, ich bin noch nicht bereit. Genau so wenig, wie ich bereit bin, darüber nachzudenken, was im September sein wird. Komme ich zurück? Vielleicht. Reise ich weiter? Vielleicht.

Doch so hart es auch ist, und so weh es auch tut, ich muss versuchen, meine Monster auf Diät zu setzen. Daher wird es vorerst auf all diese Fragen keine Antwort geben, denn es ist nicht der richtige Zeitpunkt. Es wäre nur eine Aneinanderreihung von (Selbst-)Zweifel, Ängsten und falschen Gründen…

Und so sehr mich persönlich der Gedanke in den Wahnsinn treibt, nicht zu wissen, wie es in sechs Monaten weitergehen soll, ich kann es nicht ändern… das einzige, was mir jedoch jetzt schon mehr als bewusst ist: ganz gleich, welche Entscheidung ich treffe, es wird mir nicht leichtfallen, es wird mir vermutlich sogar das Herz zerreißen, aber so ist das Leben nun mal…

 

“That’s life. If nothing else, it’s life.
It’s real, and sometimes it fuckin’ hurts, but it’s sort of all we have.“ (Garden State, 2004)

 

 

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