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Der Regen peitschte gegen das Fenster, so dass das gleichmäßige Kratzen der Plattenspielernadel nur noch leise im ganzen Raum zu hören war. Mason überlegte einen Augenblick, ob er aufstehen sollte, um die Platte zu drehen, entschied sich dann aber dagegen. Irgendwie hatte das Zusammenspiel von Technik und Natur eine beruhigende Wirkung auf ihn. Also blieb er, die Arme hinter dem Kopf verschränkt, auf seinem Bett liegen, welches er vor Jahren in der Mitte seines Zimmers positioniert hatte. Er starrte an die Decke, versuchte, seine Gedanken zu ordnen. Und vielleicht half das monotone Geräusch eher dabei, als die Stimme eines unbekannten Künstlers, dessen LP er vor wenigen Minuten noch gelauscht hatte.

Mason hasste und liebte Tage wie diesen. Er hasste sie, weil er ein Gefangener seiner eigenen, inneren Dämonen war, und oftmals nur schwerfällig aus der Abwärtsspirale wieder rauskam, wenn sie einmal in Gang gesetzt war. Und er liebte sie, weil sie ihm Gelegenheit gaben, sich selbst besser zu verstehen.

Heute schien es jedoch als würden die Dämonen gewinnen.

Eigentlich war Mason ein ganz normaler 27-jähriger junger Mann. Er hatte sein Studium der Literaturwissenschaft erfolgreich mit einem sehr guten Abschluss absolviert, hatte erste Berufserfahrungen hinter sich gebracht und konnte auf eine überschaubare Auswahl an Freunden zurückgreifen. Sein Aussehen konnte als durchschnittlich bezeichnet werden, da er vermutlich einer von Tausenden war, die in Jeans, T-Shirts und Chucks den Alltag bestritten. Und auch seine Haut war mittlerweile dem Trend der bunten Bemalung zum Opfer gefallen und ließ ihn somit nicht weiter in der Masse auffallen. Wenngleich er für sich dachte, dass die Tinte auf seinem Arm immerhin eine tiefere Bedeutung hatte und nicht auf 20 verschiedenen Körpern zu finden war. Wobei das vermutlich alle Tätowierten zu sagen pflegten, wenn es ihnen zu peinlich war, zuzugeben, woher die Idee für ihre Verschönerung stammte.

Mason glaubte auch nicht, dass er der Mensch auf der Welt war, der am meisten Probleme oder das schwierigste Leben zu führen hatte. Im Gegenteil, er wusste, welche Privilegien ihm als Bürger eines westlichen Landes zuteil waren. Er wusste auch, dass es Länder auf der Welt gab, in denen Krieg herrschte und Menschen täglich um ihr Leben bangten. Doch all das konnte seine Gedanken nicht davon abbringen, ihn in regelmäßigen Abständen zur Verzweiflung zu treiben. Ihn die furchteinflößendsten der dunkelsten Wege einschlagen zu lassen.

Acht Jahre. Es waren jetzt acht Jahre, seit er auf die Frage, auf welchen Kurs er seine Segel setzen möchte, mit dem bedeutungsschwangeren Satz „auf ein Leben voller Abenteuer“ geantwortet hatte. Doch hatte er wirklich Abenteuer erlebt? Galt das Studieren an einer der renommiertesten Universitäten etwa als Abenteuer? Oder konnte man unter einem Wochenend-Roadtrip die Aneinanderreihung von risikoreichen Unternehmungen oder Erlebnissen verstehen? Hatte er sein Ziel verfehlt?

Der junge Mann zwang sich, sich aufzurichten, den Blick von der Decke abzuwenden und aus dem Fenster zu schauen. Der Himmel war grau, grauer ging es gar nicht. Und dabei sollte alles doch voller Leben sein, immerhin war Frühling. Eben jene Jahreszeit, in der alle glücklich und zufrieden schienen, stets bereit waren, etwas Neues zu wagen und sich dennoch alle auf den Sommer freuten und kaum erwarten konnten, faul am Strand zu liegen.

Mason konnte dem Frühling nicht wirklich etwas abgewinnen. Er war ein Herbsttyp. Verbrachte Tage damit, auf seiner Couch zu liegen, Tee zu trinken und Bücher zu verschlingen. Eigentlich verbrachte er damit die meisten Tage des Jahrs, aber im Herbst schien diese Beschäftigung als allgemein anerkannt, schließlich trauten sich nur die besonders Naturgesinnten in die drohende Kälte und peitschende Herbstwinde. Mason dachte sehnsüchtig an den vorletzten Herbst zurück. Jenen Herbst, als er sein Masterstudium beendet hatte, und voller Freude angefangen hatte, dicke Wälzer zu seinem Vergnügen zu lesen und eben nicht als Teil seines Lernprogramms. Er hatte es damals endlich geschafft, Stephen Kings Es zu lesen. Ein Buch, über das jeder sprechen konnte, weil man den Film gesehen hatte, aber nur wenige es wirklich vollbracht hatten, es wirklich zu lesen. Ein Buch, das mehr als 1800 Seiten aufwies und das – ganz anders als die Verfilmung – den Fokus auf die Beziehungen zwischen Erwachsenen legt, die sich als Kinder einen Eid geschworen haben. Eben ein Buch, das so viel mehr war als ein Thriller, den man auf dem Nachttisch liegen hatte.

Mason hatte damals jede Sekunde genossen, und teilweise sogar ungläubig den Band zur Seite legen müssen, weil er von der Wortgewandtheit und des Ideenreichtums des amerikanischen Autors beeindruckt war. Doch jetzt, zwei Jahre später, an diesem grauen Frühlingstag, wünschte er sich, er hätte das Buch noch nicht gelesen, und hätte noch einmal die Chance, die Charaktere neu kennen zu lernen.

Das Klingeln seines Telefons riss ihn aus seiner eigenen kleinen Welt. Er brauchte einen Augenblick, bis er das kleine schwarze Gerät gefunden hatte. Das Bild einer dunkelhaarigen, jungen Frau prangte auf dem Startbildschirm und strahlte ihn förmlich an. Mason zögerte jedoch. Wollte er jetzt wirklich mit jemandem sprechen?

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