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Wie fühlt es sich an, Anxiety zu haben?

Eine Frage, die schon tausendmal gestellt wurde, und doch habe ich das Gefühl, ich habe versagt, sie zu beantworten.
Ok, vielleicht nicht gänzlich versagt, aber es ist schwer es jemandem zu erklären, der etwas ähnliches noch nie erfahren hat.

Wie auch immer, vergangene Woche bin ich über ein Video mit dem Titel „Friends with benefits“ von Jae Nichelle gestolpert und als ich es jemandem gesendet habe, als erste Erklärung wie es sich anfühlt, mit Anxiety zu leben, wurde ich tonlos gefragt:
„Fühlt es sich wirklich so an?“

Ein unsichtbarer Freund

In ihrem Video beschreibt Nichelle ihre Anxiety als jemand, der immer bei ihr ist. Beispielsweise wenn sie sich dazu entschieden hat, einen anderen Ausgang aus ihrem Gebäude zu nehmen, um jemanden aus dem Weg zu gehen, dem sie schon zwei Mal Hallo gesagt hat, nur weil sie nicht weiß, ob es angebracht ist, ein drittes Mal zu grüßen. Sie sagt, dass ihre Anxiety ihre Kleider raussucht, immer mit dem Hintergedanken, dass Nichelle viel schwitzt und etwas braucht, das schnell trocknet. Und sie hebt hervor, dass auch wenn sie darüber offen redet, es immer ein unsichtbarer Kampf den sie mit ihrer Anxiety austrägt.

Ich habe das Video ungefähr 20 Mal gesehen. Und ich kann an einer Hand abzählen, wie oft ich vorher mal das Gefühl hatte, laut zu schreien: „Ja, das ist es! Das ist genau wie es sich anfühlt“… Ich stimme ihr zu.

So, wie fühlt es sich an, Anxiety zu haben?

Zunächst einmal, solltet Ihr verstehen, es ist nichts, was man einfach so hat… es ist einfach da. 24 Stunden am Tag, 7 Tage die Woche. Anxiety ist ein Teil von mir. Ganz egal, was ich tue.

Man nehme zum Beispiel eine Busfahrt… Stellt Euch vor, Ihr nehmt jeden Tag die selbe Busroute zur Arbeit. Und normalerweise seht ihr darin auch kein Problem. Bis zu dem Tag, an dem sich die Route minimal ändert und Ihr müsst an einer andere Haltestelle aussteigen. Oder schlimmer noch, Ihr müsst eine andere Route nehmen.

Tage bevor mir so etwas passiert, werde ich nervös und checke the Busfahrplan immer und immer wieder. An besagtem Tag dann bin ich 10 Minuten früher als sonst an der Haltestelle, auch wenn ich weiß, ich laufe nur 2 Minuten hin. Wenn ich dann im Bus bin, kann ich fühlen, wie sich mein Magen allmählich umdreht. Es wird schlimmer und schlimmer mit jeder Haltestelle, die der Bus abklappert. Und wenn ich dann endlich aussteigen kann, habe ich das Gefühl, mich übergeben zu müssen. Schweißperlen auf der Stirn inklusive.

Nun stellt Euch vor, Ihr müsst in einen Raum voller Menschen, die Ihr noch nie vorher gesehen habt – ganz gleich ob für ein Interview, ein Abendessen, ein Arztbesuch.

Während ich bereits Stunden vorher verrückt spiele, und versuche, das perfekte Outfit zu finden (etwas, in dem ich mich wohlfühle, etwas, in dem ich schwitzen kann, etwas, mit dem ich gleichzeitig aber auch reinpasse), bin ich dann in der Situation überwältigt mit all den Gedanken, die mir durch den Kopf rasen. Beobachten sie mich? Können sie sehen, dass ich schwitze? Oh nein, jetzt schwitze ich noch mehr. Bin ich passend angezogen? Ist das jemand, den ich kenne? Ich hätte was anderes anziehen sollen. Ist mein Haar zerzaust? Habe ich Deo aufgetragen? Oh shit, habe ich vergessen… nein, habe ich nicht. Wieso kann ich nicht aufhören zu schwitzen? Mein Haar ist schon völlig nass…

Und das sind nur zwei Situationen. Zwei von Millionen. Jeden. Einzelnen. Tag.

Leben mit Anxiety

Ich würde mal behaupten, es ist ein kontinuierlicher Kampf mit meinem eigenen Kopf, meinen eigenen Monstern. Es ist ich gegen… nun ja, mich. Und das Schlimmste ist, ich kann es nicht abschalten.

Ganz gleich, wie verzweifelt ich es auch versuche.

Also, seid Euch das nächste Mal bewusst, wenn Ihr mir sagt, dass ich zu dünn werde, dass ich anfange, mich immer und immer wieder im Spiegel anzustarren, mich zu fragen, ob ich wirklich mal zu dick war, und ob ich wirklich zu viel Gewicht verloren habe. Ich werde mich fragen, ob ich immer noch gesund ausschaue, ob ich immer noch hübsch bin. Ich werde mir sagen, dass niemand glaubt, dass ich gut aussehe, und dass ich nicht verdiene, so auszusehen, wie ich aussehe…

Seid Euch das nächste Mal bewusst, wenn Ihr mir sagt, dass ich faul werde, weil ich mir einen Ruhetag gegönnt habe, dass ich Euch glauben werde. Ich werde mich schlecht fühlen, und mir einreden, dass ich innerhalb von 12 Stunden direkt wieder zugenommen habe und mich in mein altes Ich verwandle. Ich werde mich schlecht fühlen, weil ich eine Trainingseinheit verpasst habe, und mich bestrafen, mit meinen eigenen Gedanken, die mir sagen, dass ich meinen Lifestyle nicht beibehalten kann und dass ich sowieso alles aufgebe, was ich anfange.

Seid Euch das nächste Mal bewusst, dass wenn Ihr mir sagt, ich solle die Menschen besser wählen, mit denen ich mich umgebe, dass ich jeden noch so negativen Aspekt an ihnen rauspicken werde – auch wenn es den nicht gibt -, nur um jegliche Beziehungen zu sabotieren. Ich werde mir sagen, dass ich es nicht verdient habe, glücklich zu sein, dass ich es nicht verdient habe, dass jemand stolz auf mich ist, dass ich gemocht werde… und definitiv nicht geliebt.

Music hält mich am Leben

Wie es sich anfühlt, Anxiety zu haben?
Es ist, als wäre mein Kopf den Ganzen Tag auf Hab-Acht-Stellung. Es ist, als müsste ich jede einzelne Option einer jeden Situation in Betracht ziehen. Jeden einzelnen Tag. Es ist, als müsste ich jedes Gespräch, jede Diskussion, jede Aussage immer und immer und immer wieder in meinem Kopf abspielen. Bis ich am Abend endlich die Tür zu meinem Schlafzimmer schließe.

Das ist der Moment, wenn mein Körper beginnt Körper, unkontrolliert zu zittern. Das ist der Moment, wenn ich anfange zu weinen, weil es die einzige Möglichkeit ist, die Anspannung aus meinem Körper zu lösen. Das ist der Moment, wenn ich die Musik anmache, um den Schmerz zu lindern, um es aufhören zu lassen, um mich am Leben zu halten.

Und wenn ich dann endlich einschlafe, weiß ich, ich habe einen weiteren Tag überstanden.

In Monsterly Love,
L.

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